Den NSU-Komplex kontextualisieren

SEQUENZEN – ERINNERUNG – WECHSEL

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SEQUENZEN – ERINNERUNG – WECHSEL
Den NSU-Komplex kontextualisieren
08.04. – 18.04.2017
im Projektraum des Kunstraum Bethanien Berlin

Mit: kanak attak, Cana Bilir-Meier, Can Candan, Sefa Defterli/Gruppe „was nun?!“, Helmut Dietrich/Julia Oelkers/Lars Maibaum, DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., Alex Gerbaulet/Mareike Bernien, José Giribás, Kemal Kurt, Edith Marcello/David Wittenberg, Jean Mohr, Dan Thy Nguyen, Erik-Jan Ouwerkerk, spot the silence, Tribunal-SPOTS, Manfred Vollmer

Das rechtsterroristische Netzwerk NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) ermordete in den Jahren 2000 bis 2006 neun Migrant_innen und eine Polizistin und verletzte zahlreiche Menschen durch Sprengstoffanschläge. Im Jahre 2011 enttarnte sich das terroristische Netzwerk teilweise selbst. In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde bekannt, dass deutsche Sicherheitsbehörden, allen voran die Landesämter und das Bundesamt für Verfassungsschutz, auf vielfältige Weise in den NSU-Komplex involviert sind.
Auch wenn die Taten selbst und die Bedingungen, unter denen diese begangen wurden, beispiellos wirken, so reihen sie sich dennoch ein in eine lange Geschichte rechten Terrors und rassistischer Gewalt in Deutschland.

SEQUENZEN
Die Ausstellung macht einige gesellschaftliche Kontexte sichtbar, die für die Aufarbeitung des NSU-Komplexes von Bedeutung sind: den nationalen Taumel der wiedervereinigten Deutschen, die sich vor allem einig waren in ihrer Zustimmung zu den rassistischen Pogromen der 90er Jahre, die wiederum zu einem grundlegenden Erfahrungshintergrund für das Selbstverständnis der späteren Rechtsterroristen wurden; die rassistische Spaltung der Gesellschaft, die dazu führte, dass rechter Terror geleugnet wurde und die Ermittlungen fast ausschließlich gegen die Betroffenen und Angehörigen erfolgten; die Politik der temporalen Anwerbung von Arbeitsmigrant_innen in den 50er und 60er Jahren unter dem politischen Dogma, die BRD sei kein Einwanderungsland, die Rassismus institutionalisierte und die migrantische Bevölkerung dieses Landes ökonomisch, politisch, rechtlich und sozial segregierte; aber auch die DDR-Variante: die Vertragsarbeit, die den Rassismus der DDR-Bevölkerung katalysierte und nicht minder als die westdeutsche Migrationspolitik an dem antiquierten Bild eines homogenen Deutschland festhielt; schließlich die rassistisch geführten politischen Debatten der 2000er um Migration und Einwanderung, Integration und deutsche Leitkultur, die rassistische Ressentiments aktualisierten und zu neuen Formen der Ausgrenzung führten.

ERINNERUNG
Aber diese jahrzehntelange, wechselvolle Politik der Ausgrenzung und Segregation hat es nicht vermocht, Migration vollständig zu kontrollieren. Das erste Anwerbeabkommen mit Italien aus dem Jahr 1955 markiert keineswegs das Jahr Null der deutschen Migrationsgeschichte. Und im Jahr des Anwerbestopps 1973 war Deutschland längst ein Einwanderungsland. Viele Migrant_innen, die in den Jahren zuvor nach Deutschland gekommen waren, blieben und organisierten die Migration von anderen – trotz und gegen die immer repressivere Migrationspolitik. Sie schufen Fakten, indem sie sich ein dauerhaftes Leben in Deutschland aufbauten. Die unzähligen von Migrant_innen geführten Arbeitskämpfe, Kämpfe um Bleiberecht und Wohnraum im Verlauf der 70er und 80er Jahre waren nicht zuletzt Ausdruck dieser Verstetigung. In ihnen verbanden sich Forderungen nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen mit Forderungen nach einem Ende der rassistischen Benachteiligung.

Der NSU-Komplex hat gezeigt, dass die Protagonist_innen dieses Teils der deutschen Nachkriegsgeschichte noch immer von vielen Herkunftsdeutschen nicht als Teil der Gesellschaft betrachtet werden. Den Angehörigen der Mordopfer und den Betroffenen der Sprengstoff-anschläge wurde nicht zugehört. Ihre Vermutung, es könne sich bei den Täter_innen um Rassist_innen oder Neonazis handeln, wurde ignoriert. Vielmehr wurden sie selbst von den Ermittlungsbehörden zu Täter_innen gemacht. Während die Mordserie in migrantischen Communities voller Sorge wahrgenommen wurde, hat der überwiegende Teil der herkunftsdeutschen Bevölkerung diese kaum zur Kenntnis genommen. So blieben die Opfer isoliert und ihre Stimmen waren kaum zu vernehmen. Dies ist es, was wir rassistische Spaltung der Gesellschaft nennen.

PERSPEKTIV-WECHSEL
„Wir lassen uns nicht vertreiben!“, sagten die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter_innen, die das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen überlebten. „Ich sehe mich nicht als Fremde, nein! Da wehre ich mich dagegen!“, sagt Ayfer, Betroffene des Nagelbombenanschlags des NSU auf die Kölner Keupstraße. Die Stimmen dieser Menschen zeigen: entgegen allen rechten Terrors, entgegen aller Politik der Ausgrenzung schaffen Migrant_innen seit Jahrzehnten Fakten und haben an vielen Orten die postmigrantische Gesellschaft realisiert, in der wir heute leben.

Es ist längst überfällig, die rassistische Spaltung zu überwinden. Die Geschichte der Migration zu kennen und als konstitutiven Bestandteil des heutigen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erkennen – jedenfalls in westdeutschen Städten und Großstädten – migrantisches Wissen wahr- und ernstzunehmen, ist ein erster zentraler Schritt um dies zu tun.